DER SCHATTEN IM LICHT______ Spiritualität als Versuch, dem Leben zu entkommen

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Nach meinen ersten, mein Leben für immer verändernden spirituellen Erfahrungen vor einigen Jahren habe ich mich immer wieder ertappt, wie ich mich nach einem einfachen Weg sehne, lieber in diesem Licht zu stehen, als mich den verdrängten und überspielten Schatten der Vergangenheit zu stellen und mich mit weniger angenehmen Strukturen meines Ichs auseinandersetzen zu müssen.

Das Leben besteht nicht immer nur aus Licht und Liebe. Manchmal tut es weh. Manchmal macht es Angst, und es wäre so viel leichter einfach nicht so viel zu fühlen. Oder für immer in diesem wunderbar friedlichen, leeren Raum zu verweilen, der sich mir in der Meditation öffnet. Doch bin ich dafür gekommen? Bewohne ich diesen Körper, um mich dann aus ihm und seinen Wunden zu dissoziieren?

In den letzten Monaten ist mir klar geworden, wie ich meine Spiritualität in bestimmten Situationen benutze, um mich aus meiner Verletzlichkeit zu ziehen. Dafür gibt es im Englischen einen schönen Begriff: Spiritual Bypassing. Es war ernüchternd für mich, herauszufinden, wie oft ich meine spirituelle Heldenrüstung anlege, um einen Bypass um unliebsame Teile meiner selbst zu legen, und sie statt dessen oftmals nach außen zu projizieren. Wut? Nein, das war gestern. Heute bin ich erleuchtet, und Erleuchtete sind nicht wütend. Angst? Nein, ich bin stets präsent, optimistisch, stell mich dem Leben. Abschätzig, herabwürdigend, andere klein haltend? Nein, ich bin immer liebevoll, kümmere mich, bin selbstlos und die menschlichen Machtspiele und Kämpfe spielen für mich keine Rolle mehr. Und so lebte ich in einer Spannung zwischen dem hehren Ideal des spirituell Überlegenem und der Realität meiner menschlichen Unzulänglichkeiten.

Natürlich vermeiden wir alle gern unsere inneren Schweinehunde, wir maskieren gern unsere niederen Beweggründe, unsere Ängste, unsere Scham, unsere Wut, unsere Selbstzweifel, unsere Schwächen. Niemand sieht sich selbst gern als Aggressor, Täter, lieblosen Egomanen. Und natürlich wäre auch das ja nur die halbe Wahrheit. Viele von uns haben sich mit sich selbst auseinandergesetzt, wir schauen uns unsere Schatten an, meditieren, lesen schlaue Bücher, gehen zur Therapie. Durch unsere spirituelle Praxis lernen wir uns immer mehr zu öffnen, mitfühlender und einschließlicher zu leben. Doch wird es gefährlich, wenn wir uns mit dieser lichten Seite zu stark identifizieren. Denn dann können wir keine Verantwortung mehr für unsere dunklen Seiten übernehmen, diese haben dann freies Spiel… und übernehmen uns.

Spirituelle Lebensvermeidung ist kein persönliches Versagen oder eine unauflösbare Schuld. Es ist Teil unserer Kultur. Wir lernen schließlich recht früh, uns von unserer besten Seite zu zeigen, und die unerwünschten Seiten zu verbergen. Wut in Beziehungen einbringen, das Feuer im Miteinander beinhalten, anstatt es zur Vernichtung der Gegenseite einzusetzen oder es autoaggressiv runterzuschlucken? Wem wurde das schon im Kindesalter beigebracht? Wer von uns wurde dazu ermutigt, sich mit seiner Scham und seiner Angst und seinem Schmerz zu zeigen? Emotionale Reife will gelernt sein, und ohne sie wird es schwierig mit dem spirituellen Wachstum. Das Schöne dabei: es ist nie zu spät, seine psychischen Mosaiksteine neu zu ordnen, sich mit seinen Lichtern und Untiefen vertraut zu machen und die Erfahrung zu machen, in einem sicheren Beziehungsraum Liebe und Klarheit zu empfangen.

In der Beschäftigung mit dem spirituellen Schatten war es gut für mich, zu begreifen, wozu mir die lichte Maskerade dient. Sie ist ein Schutz. Sie ist ein Zeichen der Hilflosigkeit. Sie ist ein Ausdruck von Angst. Was würde passieren, wenn ich mich verletzlich zeigte? Wenn ich zugebe, dass ich mich verrannt habe und vorgebe etwas zu sein, das ich in diesem Moment nicht bin? Wird meine Schwäche ausgenutzt? Bin ich dem Leben denn gewachsen, wenn ich mich so nackt zeige? Kann ich dann noch geliebt werden?

Immer öfter darf ich die Erfahrung machen, dass das Gegenteil der Fall ist. Indem ich erkenne, was ich fühle und tue, die Verantwortung dafür übernehme und es auch kommuniziere, mache ich mich berührbar. Und das wiederum ist immer berührend, baut Brücken, erzeugt Nähe, Wärme, Vertrauen, Zärtlichkeit – alles Zeichen echter, mit Leben gefüllter Spiritualität, die mehr ist als wohl- und hohlklingende Worte von Licht und Liebe. Für mich ist es ein Abenteuer und eine spirituelle Herausforderung, meine Menschlichkeit anzunehmen, diesen Körper wirklich zu bewohnen und Intimität zu wagen. Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass mir das keine Angst macht. Denn das tut es. Doch da ist auch Aufregung und die Zuversicht, so unperfekt, wie ich bin, weiterhin vom Leben an- und mitgenommen zu werden.

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