Warum der Künstler der Zukunft keine Person sein wird

Beethoven 5th

Wir leben in besonderen Zeiten. Wir befinden uns in einer der größten Krisen der menschlichen Geschichte, stoßen ökologisch, ökonomisch und sozial an die Grenzen der Belastbarkeit unserer Systeme. Gleichzeitig haben wir eine historisch einmalige Chance, eine lebens- und liebenswerte Welt zu gestalten. Zum ersten Mal können wir die Menschheit als Einheit erfahren, wir kennen die verschiedenen Kulturen und Erdteile, und auch innerhalb unserer Gesellschaften verschwinden die Grenzen, die uns früher voneinander getrennt haben. Wenn sich nun auch noch die Grenzen in unserem Geist auflösen, können wir erleben, wovon unsere Vorfahren nur träumen konnten.

All das wurde schon oft betont, dennoch ist es für mich wichtig, dieses Statement an den Anfang zu stellen, wenn es um Künstler geht, die bei der Evolution des menschlichen Bewusstseins schon immer eine herausragende und nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. Warum? Weil ein Künstler, der aus der Tiefe schöpft, ein Wissen, zu welchem auch Philosophen gelangen können, in uns zur Erfahrung werden lassen kann. Durch die Schriften von Philosophen und Mystikern können wir eine Erweiterung unseres Denkens erleben, durch die Rezeption großer Kunst weitet sich hingegen unser ganzes Wesen. Zudem können wir diese Erfahrung sinnlich teilen, als Publikum, z.B. beim Besuch eines Konzertes. Als ich mit meiner Frau eine Liveübertragung von Beethovens Neunter, dirigiert von Daniel Barenboim, auf dem Kölner Domplatz erlebte, war es beinahe sichtbar, wie sich das Bewusstsein in der Menge emporhob und sich der Raum über unseren Köpfen lichtete.

Große Kunst schafft diesen Erfahrungsraum, macht erfahrbar, was verstandesmäßig nur schwer greifbar ist. Und so wird der Mensch durch sie tief berührt und angesprochen, gerade weil sie über das hinausweist, womit wir uns in unserem Alltag beschäftigen und identifizieren. Bedeutende Kunst, die uns in unserem Kern berührt, hatte und hat daher immer eine transzendente Ebene, jeder Ton neben dem physischen auch einen seelischen Klang.

In unserer modernen und postmodernen Welt sind Künstler, die sich dieser spirituellen Dimension bewusst sind, nicht verschwunden. In-spiriert bedeutet, in Spirit zu sein, Zugang zu haben zu einem Bewusstseinszustand, der über uns als Personen hinausgeht. Somit ist der inspirierte Künstler immer auch spirituell und hat einen – bewussten oder unbewussten – intuitiven Draht zu transpersonalen Ebenen, die sonst nur in der Meditation, im Gebet, in der Kontemplation oder unter Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen zugänglich sind. Der Fokus des öffentlichen Interesses und auch der akademischen Betrachtung dieses Themas liegt jedoch woanders. Es ist leicht, über Technik, Notensysteme, Instrumente, Genres und Musikgeschichte zu sprechen, es ist auch leicht, sich über die persönlichen Hintergründe und Biografien der sogenannten Genies auszutauschen. Denn all das ist für uns leicht verstehbar, es passt in unsere Denkschablonen. Die göttliche Dimension hingegen, selbst wenn sie für den Künstler und auch den Kunstinteressierten eine ganz wichtige und nicht wegzudenkende Realität darstellt, bleibt im Privaten, im Ungesagten, Unkommunizierten.

Nun könnte man an dieser Stelle einwenden, dass es ja im Grunde nicht von Bedeutung ist, ob sich der Künstler seiner Spiritualität bewusst ist oder nicht, ob er über Gott spricht oder nicht – Hauptsache ist doch, dass das Ergebnis stimmt und wir weiterhin diese alles überragenden Personen haben, die unsere Kultur mit ihren Meisterwerken bereichern und uns berühren.

Doch genau an dieser Stelle möchte ich ansetzen, um zu behaupten, dass es so nicht mehr weitergehen wird. Ich glaube nicht, dass die großen Meisterwerke der Zukunft von einzelnen Virtuosen geschaffen werden. Die Kulturlandschaft der Zukunft wird nicht mehr von den Mozarts und Beethovens, von den Van Goghs und Picassos dominiert. Denn die Entwicklung unseres Bewusstseins hat die Möglichkeiten des Einzelnen in der Schaffung neuer Ideen und Welten weitestgehend ausgereizt.

In den letzten 10 bis 20 Jahren mag gute, handwerklich vielleicht sogar sehr gute Kunst entstanden sein, doch führt unsere Kultur, die sich auf die Verehrung und Förderung einzelner Talente und deren „Artistik“ versteift hat, zu einer Verflachung der Kunst selbst. Große Kunst, die uns wirklich noch zu berühren vermag, die uns überrascht, uns verwirrt und fasziniert, die die Möglichkeiten unseres Daseins neu auslotet, Grenzen sprengt und uns über uns selbst hinauswachsen lässt, verschwindet mehr und mehr. Und das hat einen ganz einfachen Grund: die Kunst, die all dies vermag, wird sich mehr als kollektive denn als individuelle Inspiration zeigen und ausdrücken.

Wir stehen an der Schwelle zu einer Epoche, die durch den kollektiven Künstler, die Wir-Kunst, geprägt werden wird. Doch wird das nicht automatisch geschehen. Unsere Aufgabe als Geburtshelfer dieses neuen Bewusstseins ist es, eine Kultur zu fördern, die sich die Reifung von Persönlichkeiten ebenso zum Ziel setzt wie die Förderung kommunikativer Skills und nicht zuletzt den Bezug zur Quelle, den gemeinsamen Bezug zum Göttlichen, dem Ursprung des Bewusstseins und der Kunst. In dieser Kultur steht die Freude am gemeinsamen Schaffen im Zentrum und löst so den Kampf und Wettstreit um Ansehen und Erfolg ab. Die Vielfalt der individuellen und ethnisch-/ kulturellen Besonderheiten wird erst dann zum Schatz und zur Keimzelle einer neuen Kunst, wenn es die gemeinsame Ausrichtung auf die Einheit gibt.

Und darum müssen wir den Mut haben, öffentlich zu thematisieren, was Künstler im Geheimen schon immer wussten: substanzielle Kunst ohne das Göttliche ist nicht denkbar. Wir müssen darum streiten, Räume kreieren, in denen diese bislang unerforschte Form des Schaffens ausprobiert werden kann. Wir werden Tools brauchen, um hochindividualisierte Talente zu Einheiten zusammenzuführen, in Worte und Klänge zu kleiden, was uns in der Tiefe bewegt. Wir müssen eine gemeinsame Sprache finden, die unserer diversifizierten Welt ebenso gerecht wird wie dem Grund unseres Seins, ohne den wir nicht in einem vereinten Geist zusammenkommen können, und ohne den die Intelligenz eines inspirierten Wirs nicht zum Tragen kommen kann. Denn dieses „Wir“ ist der Künstler von morgen – und den braucht die Menschheit mehr denn je, um dort neue Wege gangbar zu machen, wo die alten als Sackgassen enden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *